Viele Neins für ein Ja

Das reduzierte dialogische Format des Duos aus Saxofon und Schlagzeug ist zwar selten im modernen Jazz, aber nicht ungewöhnlich. Weil es befreit ist von Überflüssigem und auch von der Unterteilung in Front- und Sideman, ist es eine Konstellation, die auf absolute Gleichberechtigung setzen muss. Sonst hätte ein Gespräch die falschen Voraussetzungen. Tritt einer dem anderen gegenüber autoritär auf, funktioniert es nicht. Wichtig für diese kleinstmögliche Chance, vom Ich zum Wir zu gelangen, sind das Finden von geeignetem Ausgangsmaterial als Gesprächsbasis, das Eingehen aufeinander, die Tragfähigkeit der Themenfelder und das respektvolle Reagieren auf den anderen. Die Jazzgeschichte kennt dafür ihre maßstabsetzenden Beispiele, etwa John Coltranes Duo mit Rashied Ali oder das von Archie Shepp mit Max Roach. Über Anthony Braxton und Andrew Cyrille, Ellery Eskelin und Han Bennink oder Tobias Delius und Christian Lillinger sind solche Dialoge immer neu und mit Kontinuität bis in die Gegenwart fortgesetzt worden.

 

Saxofonist Christopher Kunz und Schlagzeuger Florian Fischer kennen diese Referenzaufnahmen genau. Beide sind bestens ausgebildete Musiker und noch keine dreißig. Beide haben eigene Bands, erhielten bereits ansehnliche Preise und empfinden sich als tief verwurzelt in der Tradition des Jazz, wobei sie allzu eng gesetzte Grenzen durch vitale Kooperationen mit Neuer Musik, Theater, Performance oder Bildender Kunst hin zu eigenen Ausdrucksformen zu überbrücken suchen. Sie wissen sehr genau, dass ihr seit drei Jahren existierendes Duo „Die Unwucht“ für sie nur dann von anhaltender Relevanz sein kann, wenn sie dem bereits Existierenden neue Seiten, abgewandelte Zugänge, andere Sichtweisen hinzufügen können, kurz: das Eigene.

 

Der womöglich kurios anmutende Name ihres gemeinsamen Unternehmens deutet es schon an: Hier geht es nicht um etwas vorproduziert Durchlaufendes, etwas ungestört Funktionierendes, nicht um Aseptisches und Cleanes. Vielmehr entsteht hier der Reiz aus Reibeflächen, kleinen Störungen, eben aus den Unwuchten in einer perfekt konstruierten Maschinerie. Bei ihren spontan als First Takes entstandenen Aufnahmen stützen sich Christopher Kunz und Florian Fischer nicht auf vorgefertigte Kompositionen und Abläufe. Aus dem Moment heraus entwickeln sie ihre Gedankenflüge, wozu sich um das Haus der selbst mikrofonierten Aufnahmen herum ein Unwetter entlud. Manchmal mutet es an, als könne man es tatsächlich hören.

 

Diese in puristischer Reduktion entstandene Musik ist von spröder Schönheit, die immer schlüssiger wird. Groove wird hier ersetzt durch einen fein ziselierten Puls, der von verblüffender Klarheit und Evidenz ist. Diese rein akustische Musik hat ihr Zentrum, um das die Ereignisse mäandern. Der Fluss dieser wie somnambul austarierten Klänge wird durch sehr detaillierte Schlagzeugziselierungen am Laufen gehalten. Die sind gleichermaßen robust wie filigran und in ihrer Detailarbeit bei aller Logik unvorhersehbar. Darüber und darin bewegt sich das Tenorsaxofon mit erdigem, bauchigem, voluminösem, ganz und gar ungeschwätzigem Ton. Manchmal meint man, von Ferne Stan Getz zu erahnen.

 

Beide Musiker müssen nicht dominant werden, um vorzuführen, dass sie etwas zu sagen haben. Anstatt zu eifern, entwickeln sie eine schlüssige, sehr beseelte Gedankenwelt. Sie sind zwei Rhapsoden, die ihre Geschichten aus der Historie weiterschreiben, neu verorten und plausibel machen. Erstaunlich ist die unaufgeregte Reife, mit der sie das ohne elektronische Geschmacksverstärker tun. Dicht und kompakt, doch gleichzeitig transparent und filigran schreitet das voran in dramaturgisch klug gesetzten Auf- und Abschwüngen. Keiner will den anderen dominieren, wenn hier zwei Individualisten gemeinsame Sache machen. Aus diesen Aufnahmen spricht ein anderer Ton, als man ihn gewohnt ist in einer Welt des unaufhörlichen Klickens und Zappens. Dieser Ton ist von beindruckender Intensität, die sanft bleibt und nie rechthaberisch daherkommt. Man braucht „viele Neins für ein Ja“, hat Christopher Kunz von seinem Mentor Steffen Schorn gelernt. Insofern wissen diese beiden Musiker auch sehr genau, was sie nicht wollen. Mit Selbstdisziplin, Integrität und hoher Bewusstheit entwerfen sie gemeinsam ihre akustischen Bilder zwischen undogmatischer Herausforderung und unverhoffter Schönheit.

 

Ulrich Steinmetzger